Page 91 - Entlebucher Brattig 2008
P. 91

Schicksale





                Guido Schumacher






                Im Dezember 2005 erschien das Buch «Christli-  Ämmenegg
                che Wegzeichen in der Gemeinde Schüpfheim».
                Eine private Arbeitsgruppe, der ich als Koor-  Am Herz-Jesu-Freitag, 4. September 1936, ent-
                dinator vorstehen durfte, hat dieses Buch als  lud sich in den frühen Morgenstunden ein
                Abschluss ihrer Inventarisierung der christli-  gewaltiges Gewitter über Schüpfheim. Der
                chen Wegzeichen in der Sakrallandschaft der  Entlebucher Anzeiger berichtete: «Ein fürchter-
                Gemeinde Schüpfheim herausgegeben. Die       liches Unwetter,  w  ie es sich die ältesten Leute
                Inventarisierung beinhaltete die Standorte,  nicht denken könnten, tobte heute Freitag in
                Beschreibungen, Besitzer und vor allem die   der Morgenfrühe und richtete ungeheuren
                Entstehungsgeschichten der rund 130 verschie-  Schaden an…»
                denen Objekte, aufgeteilt nach Kirchen, Kapel-  Was w  ar passiert? Vater Alfred Röösli-Koch von
                len, Wegkapellen, Helgestöckli, Kreuze und   der Ämmenegg am Schüpferberg    h  atte am
                Gedenktafeln. Bei einigen, vor allem älteren  Morgen noch in der Pfarrkirche Schüpfheim die
                Objekten, sind die Gründe der Entstehung nur  Frühmesse besucht.  D  raussen tobte seit fünf
                als Vermutung bekannt, bei anderen können sie  Uhr früh ein Gewitter,  d  as immer mehr den
                nachgewiesen werden. Es fällt auf, dass viele  Talkessel ausfüllte. Unaufhörlich zuckten die
                Zeichen, vor allem Gedenkkreuze und Gedenk-  Blitze, der Donner rollte und krachte, dass die
                steine oder -tafeln,  a n  P  ersonen erinnern, die  Häuser erzitterten. Vater Röösli war wohl kaum
                plötzlich an einem Herzschlag oder durch einen  nach Hause zurückgekehrt, als das Unglück
                Unglücksfall verstorben sind. Das Recherchieren  über ihn und seine Familie hereinbrach. Im Dorf
                dieser Geschichten zeigte uns oftmals drama-  Schüpfheim vernahm man plötzlich ein dump-
                tisch auf, wie viel Leid und Trauer diese plötz-  fes Rollen und Krachen vom Schüpferberg  h er.
                lichen Todesfälle über die Familien brachten. Da  Dort, wo sich die Scheune der Familie Röösli
                ist ein Erdrutsch, der eine siebenköpfige Familie  befand, ging ein bergsturzartiger Erdrutsch
                auslöscht, o der ein junger B auer und Vater von  nieder und hüllte die Liegenschaft sekunden-
                fünf unmündigen Kindern, der im Krankenbett  lang in eine Staubwolke. Als man wieder Sicht
                stirbt, nur drei Monate nachdem sein Vater   auf die Ämmenegg hatte, waren Haus und
                beim Holzen von einem Ast erschlagen wurde.  Scheune wie vom Erdboden wegrasiert. Man
                Oder da ist der Ehemann, der sein ohnehin kar-  befürchtete das Schlimmste und eilte mit der
                ges Leben mit einem Verdienst beim Holzen    Feuerwehr und weiteren Mannschaften zu
                aufbessern kann, auf dem Heimweg von der     Hilfe. Doch jede Hilfe kam zu spät. Vater Alfred,
                Arbeit einen Schwächeanfall erleidet, erfriert  Mutter Katharina und die Kinder Alfred, Marie,
                und vom Neuschnee zugedeckt wird.            Lina, Josefine und Theodor kamen in den
                                                             Erdmassen ums Leben. Einzig überlebendes
                Durch unsere  A rbeit sind uns die Schicksale, an  Familienmitglied war Professor Dr. t heol. Joseph
     90         die ein christliches Wegzeichen erinnert, bekannt  Röösli, der zurzeit des Unglücks Vikar in
                geworden. Sicher aber gibt es noch viele ande-  Baldegg war.
                re,  w  eniger bekannte oder vergessene Schick-  Die Trauer und die Emotionen, die dieses gros-
                salsschläge, die ebenfalls viel Leid und Trauer  se Unglück im Dorf und in der Talschaft aus-
                ausgelöst haben.                             löste, können kaum in Worte gefasst  w  erden.
                Nachfolgend führe i ch einige der uns bekannten  Lassen wir deshalb den Berichterstatter im
                Geschichten auf.                             Entlebucher Anzeiger vom 5. September 1938
                                                             zu Wort kommen: «Schrecklich und für die
                                                             Bergbevölkerung …  n ach diesem schlimmen
                                                             Sommer fast untragbar,  i st schon der Sach-
                                                             schaden. (…) Am furchtbarsten aber und wahr-
   86   87   88   89   90   91   92   93   94   95   96